07.03.08

CATO DER JÜNGERE

Ein kleiner Kater – ich nenne ihn Cato - hat sich mit uns befreundet und besucht uns gelegentlich. Er ist ganz und gar kein Ausdauersportler. Nicht nur dass seine Besuche unregelmäßig sind, auch - typisch Katze – hat er keine Neigung zum Dauerlauf, sondern streunt umher nach Lust und Laune. Springt herum, jagt, fetzt durch die Wohnung, klettert die Treppen hoch und runter, bis er schließlich auf das Fensterbrett springt und - schon ist er draußen.
Warum fehlt ihm die Ausdauer? Joggen ist für Menschen zunächst etwas Unnatürliches, Kindern wie Katzen fremd. Der Mensch muss erst zum Kulturwesen werden, bis er auf die Idee des ausdauernden Laufens kommt. Tiere und Kinder werden durch Impulse bewegt, kurzfristige Ziele, oft in der Sichtweite befindlich. Bei Kindern löst ein kurviger, abwechslungsreicher aber unübersichtlicher Weg Interesse aus, eine lange weit übersehbare Strecke dagegen Langeweile und Ermüdung.
Ein Läufer bewältigt dagegen seine langen und langweiligen Strecken mit seiner Vorstellungskraft, mit Fantasie oder durch die Peitsche einer (inneren) Autorität, seiner inneren Stimme. Als Kulturwesen sind wir gewohnt, das Ziel im Kopf, viele Frustrationen davor auszuhalten und die Bedürfnisbefriedigung hinauszuschieben. Manche Menschen werden dabei wahre Künstler und - manchmal Opfer ihrer asketischen Künste. Sie handeln nach der Formel: je länger und mehr ich leide, desto mehr bringt es mir. Oder wie es ein
Ausdauerspezialist in einer Art Kriegserklärung formuliert: „Quäle Deinen Körper, sonst quält er Dich!“
Der „Geist“ soll also den Körper regieren, oder „per aspera ad astra“ wie es in der Sprache heißt, in der sowohl Völkermörder als auch ihre Gegner gesprochen haben.
Cato der Jüngere war ein Gegner Cäsars, der bei Gelegenheit mal 400 000 „Barbaren“ niedermetzeln ließ. Cäsar, der Spezialist der Langstreckenmärsche, der Diktator und glorreiche Sieger der Geschichte – Cato, der vergessene Tyrannenfeind.

06.03.08

LIZENZ ZUM ESSEN

Ich höre in einem Podcast „Lizenz zum Essen“ wieder einmal, dass sich mit einem BMI von 25 bis 30 am längsten (oder gesündesten) leben lässt. Ist das nun eine gute oder schlechte Nachricht für einen Läufer? Ich gebe zu, ich genieße das Essen nach dem Lauf, es macht mir Appetit.
Ob ich allerdings den neuen Statistiken trauen soll, ich weiß es nicht. Nachdem, was alles schon „bewiesen“ wurde, halte ich mich lieber an mein Gefühl, was mich zufrieden macht. Und bei mir ist es so, dass der „Geist“, sprich mein kritisches Bewusstsein darüber, was vernünftig ist, auch zufrieden gestellt werden muss. Der Kopf isst mit und läuft mit.
Trotz dieser Bedenken habe ich mich gestern auf eine Halbmarathonrunde gemacht, ein bisschen flotter, weil es nur flach war. 1:52 ist was, aber noch keine 1:35.
Wetter war schön, ein bisschen Schnee, nicht soviel wie in der Pfalz, aber wenigstens kein Regen wie letzte Woche, als ich nachher einen Liter dreckiges Wasser aus meinem Outfit geschleudert habe.
Der Wechsel zu dem neuen Wetter war ja recht lebhaft und die vergangenen Schönwetterwochen kamen mir nun recht langweilig vor.

04.03.08

KORREKTUR

Ein Begriff von gestern ist auf Kritik gestoßen: „Beschädigtes Leben“. Nun gut, ich habe dabei an die „Minima Moralia“ gedacht. Es sollte bedeuten, dass wir alle mehr oder weniger bei der Entwicklung zum Kulturwesen beschädigt werden, durch die Zwänge der Zivilisation, durch irgendwelche Institutionen, seien es Eltern, Klassenkameraden, Geschwister, Kindergarten, Schule und so ewig weiter. Das, was wir „selbst“ sind, wird in Frage gestellt, unterdrückt. Mehr oder weniger. Später versuchen wir dieses beschädigte Selbst wieder herzustellen oder es zu schützen, oft in aggressiver Abgrenzung von anderen. Beim Laufen steht mein Körper als Teil meines Selbst im Zentrum meiner Wahrnehmung und Interesses. Diese Hinwendung zu mir selbst soll kompensieren, negative Erfahrungen ausgleichen.
(Man könnte es aber auch also eine Art von natürlichem oder lebensnotwendigem Egoismus interpretieren. Etwas, was mich als kulturell Überforderten wieder ins Gleichgewicht bringt).
Vielleicht ist die Erfahrung von Verletzungen oder Entfremdungen des Selbst eine ewige Geschichte. Jeweils anders ist aber die Art der Überformung.
Die Frage, die sich mir stellt, ist, warum gerade Laufen heute „in“ ist. Was mache ich, wenn ich laufe? Was hat es zu bedeuten?

Am Rande noch Pflanzen, die ich beim Laufen jetzt schon blühen gesehen habe: Veilchen, Schlüsselblumen, Huflattich, Wald-Gelbstern, Ehrenpreis, Gänseblümchen, Löwenzahn.- Meinem Gefühl nach ungefähr 3 Wochen zu früh.

03.03.08

SELBSTERFAHRUNG - Noch einmal Strunz

Inzwischen gibt es noch ein Interview mit Strunz (26 Min), in dem er um Einiges deutlicher wird. Noch versponnener und verrückter. Warum will er nicht vom Ironman ablassen? Da ist das Flow-Erlebnis, nach dem er süchtig ist. Wenn man das Bewusstsein für Zeit und sich selber vergisst, wenn man vollkommen aufgeht in der Tätigkeit und sich in Übereinstimmung mit sich selber fühlt. (Früher hieß es das Runners High, inzwischen nicht nachgewiesen). Als Voraussetzung für diesen Glückszustand sieht Strunz das Einstellen des inneren Dialogs, des inneren „Gequirles“, des „Affengeschnatters“, wie er mit den Indern sagt. Dann fängt das In Sich Selbst Denken an, in sich mit sich selbst über das eigene Leben nachdenken.
Dieses Beenden des inneren Monologs ist auch das Ziel der Zen-Meditation. Erst wenn das Innere leer ist, schweigt, erst dann ist der Mensch offen für das Erlebnis des Wesentlichen, des Satori, der Erleuchtung. Das was die Mystiker anstreben.
Strunz erzählt von außerkörperlichen Erfahrungen beim Ironman, als er seine Person außerhalb des sich abmühenden Körpers erlebte. Man hört von solchen Erfahrungen bei Menschen, die gefoltert werden, aber auch in großen Glückserlebnissen und Nahtoderfahrungen.

Was ist an solchen Erfahrungen interessant? Was fasziniert daran? Vielleicht lebt man normalerweise in einem Zustand der Selbstentfremdung, fühlt das und hat deswegen das Verlangen nach einer solchen „Selbst“-Erfahrung. „Selbst“, der Zustand, bei dem man sich mit sich selbst identisch fühlt.
Ich verwende hier eine merkwürdige und widersprüchliche Sprache. Aber es gibt Momente, wo man sagen kann: „Ja, das bin ich. Niemand sonst hat dieses Leben oder Schicksal. Es ist mein Leben.“ Ob es nun ein gutes, schweres oder leichtes Los bedeutet. Es ist ein vielleicht seltenes Gefühl von Freiheit, sein Leben als sehr persönliches Geschenk – von wem auch immer - begreifen zu können, und man die Freiheit hat, darüber verfügen und es gestalten zu können. Und man nicht gezwungen ist, die Erwartungen anderer Menschen an dieses Leben erfüllen zu müssen.

Ein Läufer läuft in der Regel allein. Er bewegt sich weg von anderen, obwohl er sich in einem öffentlichen Raum bewegt. Er nimmt Abstand, geht in die nichtmenschliche Welt der Natur von Tieren und Pflanzen, macht sich frei von gesellschaftlichen Erwartungen. Es mag sein, dass er sich sogar isoliert, indem er die Nähe zur Natur sucht. Schließlich handelt er autonom, lernt sein Leistungsvermögen kennen, setzt sich selber Ziele, ist auf eigenen Beinen unterwegs. Mehr als Selbständig ist er sich selbst bewegend, sein eigenes Automobil.

Aber ist das ein gutes Ideal? Wäre es nicht besser, statt immer nur auf der Suche nach dem eigenen Glück, des eigenen Wohls, des eigenen Selbst zu sein, mit anderen zu fühlen und zusammenzuleben, ein gemeinsames Leben zu teilen, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen und sich um ihre Zuwendung zu bemühen? Liegt das Glück nicht in einem guten Zusammenleben? Mit allen Gefühlen von Freude, Hoffnung bis Enttäuschung und Trauer.
Vielleicht. Vielleicht macht der Läufer den Versuch, aus einem beschädigten Leben das Beste zu machen. Oder das Glück hat verschiedene Seiten.

01.03.08

KRÄHEN

Heute beim Lauf im Regen hüpfte eine Krähe vor mir herum, kam ich ihr ein so drei Meter nahe, flog sie hoch, setzte sich wieder auf den Weg, und so ein paar Mal. Was sie wollte? Schließlich setzte sie sich auf einen Baum und ich sang ihr zu: „Krähe – wunderliches Tier / willst mich nicht verlassen / Meinst wohl, bald als Beute hier / meinen Leib zu fassen?“
Eine Antwort bekam ich natürlich nicht. Nicht einmal ein Gekrächze. Obwohl diese Vögel so unmusikalisch sind, haben sie von Schubert eine schöne Musik bekommen. Er vertonte den verbotenen Text des W. Müller: Die
Krähe

"Eine Krähe war mit mir Aus der Stadt gezogen, Ist bis heute für und für Um mein Haupt geflogen. Krähe, wunderliches Tier, Willst mich nicht verlassen? Meinst wohl, bald als Beute hier Meinen Leib zu fassen? Nun, es wird nicht weit mehr geh'n An dem Wanderstabe. Krähe, laß mich endlich seh'n, Treue bis zum Grabe!"


Hier wird mit der Krähe auf politische Spitzeltum und Verfolgung angespielt. Doch die armen Vögel, was können sie dafür, dass sie eben schwarz sind, den Menschen etwas unheimlich; Aasfresser, „Galgenvögel“. Dabei sind sie Überlebenskünstler, leben um die menschliche Kultur, räumen mit Resten auf und wenn sie fliegen, kann man ihr elegantes Profil sehen.Hier werden sie gejagt, sonntags, mit viel Geknalle von mutigen Jägern, die mit Landrovern die guten Joggingwege zerfahren.
Auf dem Foto schwer erkennbar die Krähe mit den weißen Flügeln, die ich schon lange versucht habe, in die Kamera zu bekommen.
Eine interessante Sendung über Rabenkrähen gibt es bei „hr2Wissenswert“ als podcast (13 Min).

24.02.08

STRUNZ ULRICH

Gestern neugierig die Sendung mit dem Moderator angeschaut, der mir etwas zuwider ist. Aber Strunz war angesagt, jener Fitnesspapst, der schon Hawaii gemacht hat und vor zwei Jahren mit dem Mountainbike 8 m tief gestürzt ist. –Auf den ersten Blick scheint er Fortschritte gemacht zu haben. Er witzelt nicht mehr soviel wie früher, macht sich nicht mehr zum Clown, wirkt ernster. Etwas Schluss mit lustig. Fliegen hätte er wohl wollen, witzelt er. Man assoziiert den Flugwunsch mit Überheblichkeit, Arroganz, Realitätsverleugnung, ein Antidepressivum gegen das abgrundtiefe Gefühl von Traurigkeit und Verlassenheit. Er ist wohl damit konfrontiert worden und wirkt nun authentischer und weniger lächerlich als früher. Aber dann kann er das Predigen doch nicht lassen und gibt wieder ekstatische Sprüche von sich. Diesmal ist es eine neue Diät. Statt einer ehrlichen Auseinandersetzung mit seinem Sturz eine neue Übertreibung. Wieder Witzeln; seine Frau hätte ihn nicht sterben lassen - mit dem kleinen Unterton, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre.
Jetzt ist – Lähmungen in der rechten Gesichtshälfte, die am Bein durfte man nicht sehen – mehr Härte in seinem Ausdruck, Haare mit Kriegsscheitel, Ordnung und Disziplin anzeigend. Wenn er seine neue Diät predigt, wünscht man ihm aber doch, dass er noch einmal stürzt - nur einen kleinen Meter - für einen kleinen Schock, ohne Verletzungen, nur dass er endlich traurig wird, das Predigen aufhört und bescheiden wird.
Den Ironman will er noch einmal machen, das Gefühl von Flow erleben, es (?) noch einmal beweisen.

23.02.08

FLUCHTLAUFEN

Manchmal verändert sich Laufen von der reinen Vorwärtsbewegung und wird zum Sich Lösen von einem bestimmten Standpunkt, auf den einen die Schwerkraft festnagelt. Man fühlt sich befreit, will sich befreien, etwas hinter sich lassen, will weg zu etwas Anderem. Dann könnte man immer unterwegs sein. Ewig laufen. Nicht stehen bleiben. In Bewegung bleiben. Bewegt sein und sich in Bewegung ausdrücken.
Leben ist Bewegung, ist kein fester identifizierbarer Standpunkt, ist eine Bewegung zwischen zwei Punkten. Ist eine ständige Art, von etwas weg und zu etwas Neuem hingehen.

„Verweile doch, Du bist so schön.“ Sagt zwar Goethe über das Glücksmoment. Aber das Leben geht weiter. Nichts bleibt, was es ist. Alles ist im ständigen Fluss.

Könnte man dies nicht auch mit „Flow“ umschreiben? Mit Rhythmus, mit Meditation oder rhythmischer Meditation („repetitives Meditieren“)? Ich will darauf zurückkommen.

Flucht und Freiheit war schon früher ein Motiv in meinem Leben. Flucht aus engem und unfriedlichen Zuhause, aus reglementierten Verhältnissen. Als ich in Italien um den Monte Rosa gewandert bin, musste ich immer an die britischen Kriegsgefangenen denken, die aus ihrer Gefangenschaft in der Poebene ausgebrochen und zu Fuß über die Viertausender in die Schweiz geflüchtet sind.