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Bei einem Trainingslauf mit meinem angepeilten Marathontempo nehme ich den Brustgurt für die Pulsuhr und stelle fest, dass ich im Durchschnitt bei Hf 166 laufe. Nach der Formel für die richtige Herzfrequenz
Hf = 20 + 0,8 Maximalpuls – 0,15 Lebensalter
müsste ich bei ca. 156 laufen. Also ist mein vorgesehenes Tempo zu schnell. Deswegen nehme ich am übernächsten Tag noch einmal die Uhr und versuche bei Hf 156 einige Kilometer zu laufen. Das Ergebnis ist, dass ich 4 Sekunden langsamer laufen müsste.
Das Beispiel zeigt, wie ich den Körper berechenbar wie eine Maschine machen will. Als ich zu laufen angefangen habe, war mit ein Grund die Sorge um Herz und Kreislauf. Ich habe oder hatte Angst, dass mein Herz und Kreislauf träge werden und irgendwann Probleme machen. Um dem vorzubeugen, müssen diese Organe wie eine Maschine gewartet und gepflegt werden. „Use it or loose it“ heißt es in der allgemeinen Propaganda fürs Laufen. Cardiotraining wird gefordert. Also werden die Herzmuskeln trainiert, die Blutgefäße in Schuss gehalten. Ist die Pumpe so stark genug, kann sie Attacken leichter bewältigen.
Hier also wieder die Maschinenvorstellung vom Körper.
Ganz anders die romantischen Vorstellungen über das Herz in den Jahrhunderten vor uns:
„Was hat es, daß es so hoch aufspringt,
Mein Herz?“ So Müller in der „Winterreise“
Der fahrende Gesell singt bei Mahler:
„Ich hab' ein glühend Messer,
Ein Messer in meiner Brust,
O weh! Das schneid't so tief
In jede Freud' und jede Lust.“
Das Herz drückt hier in seinen Bewegungen seelische Empfindungen aus. Es bewegt sich zwar nicht unbedingt im Gegensatz zum Verstand, aber anders als der Verstand ist es an menschlichen Beziehungen orientiert, öffnet sich diesen großherzig oder verschließt sich ihnen. Es ist ein Symbol für Liebe und Freundschaft. Es wird durch Schmerz und Trauer zerrissen und gebrochen. Es kann kalt werden, wenn es wie in dem Märchen von Hauff, nur noch um materielle Vorteile geht. Es kann sich verschließen zu einer Mördergrube. Es klopft schwer in Angst und steht still vor Schreck, es gerät aus dem Takt.
Ob nicht Cardiotraining das Gefühlsleben unter Kontrolle bringen soll?
Hypothese: Aktivieren durch Tempo, bremsen durch Hf-Messung. An die Stelle der Erregung in Beziehungen durch Wut, Angst, Mut und Initiative kontrollierte Coolness. Innere und äußere Natur tritt als imaginäre und diffuse Bezugsperson an die Stelle einer realen. Rückzug aus beängstigenden, erregenden und riskanten Beziehungen. Der Herzinfarkt als logische Folge einer sozialen Kränkung und Verletzung.
Ich habe einen Marathon im Auge, würde aber doch gerne unter 3:30 kommen. Aber zuerst hat mir der Urlaub 2 Wochen genommen, dann der kleine Zeh wieder eine Woche. Jetzt wird es langsam spannend, ob ich das noch schaffe. Den Einstieg habe ich mit verkrampften 5 km, dann lockeren 12 und gestern nachher schmerzhaften 19 gemacht. Ich bekomme schon Angst vor meinen Absichten. Ob das gut geht? Der Ischias meldet sich auch wieder leise an. Und dann höre ich noch, dass sich ein Bandscheibenvorfall, um den es bei mir ziemlich still geworden ist, im Laufe der Zeit und fortdauernder Belastung in eine Stenose im Wirbelkanal umwandeln kann.
Immer noch wird die Mär verbreitet, wie es vor 2000 euphorisch hieß, dass beim Laufen das Körperfett schmelze wie die Butter an der Sonne oder wie es in einem seriösen Blatt heißt: „…wer sich durchgerungen hat, laufend abzunehmen, kann den Pfunden beim Purzeln zusehen.“ Man muss sich das vorstellen: jemand ringt sich zum Laufen durch (!!), dann läuft er und sieht noch zu, wie die Pfunden purzeln. Gut, dass ich dafür nicht laufen und das ansehen muss.
Manchmal hat man bei den Laufmissionaren und Hallelujaläufern den Eindruck, dass je weniger sie innerlich sie von ihrer eigenen Läuferei überzeugt sind, umso mehr andere davon überzeugen müssen. Gilt übrigens für jede Art von Mission.
Ob es nicht besser wäre, bevor man sein Herz noch mehr verkalkt, mehr moderat zu laufen? Wahrscheinlich nur eine Ausrede, um auf die etwas unangenehmeren Tempoläufe verzichten zu können. Ich würde freilich doch noch gerne ein paar lange Strecken laufen. Der Sommer geht so schnell vorbei.
Vor zwei Tagen den kleinen Zeh angestoßen. Entweder ist er verstaucht oder gebrochen, oder die Bänder/Muskeln sind gezerrt. Hat hörbar geknackst und höllisch wehgetan. Wie auch immer. Ich bin von meiner Vorbereitung für Marathon und längere Läufe heruntergeholt worden. Weiß nicht, ob das noch klappt. War schon bei 30 km.
Schuld das Barfußlaufen. Versuche durch regelmäßiges Barfußgehen die Fußsohle etwas elastischer und kräftiger zu machen. Barfuß zu joggen habe ich mal gelassen - ich bin noch zu empfindlich. Barfuß gehen dagegen ist ein Genuss, den Untergrund spüren, Wärme und Kälte, die Kraft in den Füssen, das Profil unterschiedlicher Beläge.
Jetzt versuche ich meine Kondition mit dem Rad zu retten. 72 km mit 25,7, Hf 130.
Der rechte Fuß ist der, mit dem ich voranschreite, der meinen Willen ausdrückt. Wenn ich etwas überspringe, geht er voran. Obwohl er kürzer ist und auch wohl schwächer als mein linker, ist er wohl der Ausdruck meines Willens. Wenn ich mit ihm - schon zum zweiten Male in kurzer Zeit – an etwas stoße, heißt das wohl, dass ich zu sehr forciere, zu wenig aufmerksam bin. Die Augen gehen in eine andere Richtung. Ich bin nicht voll bei der Sache, die ich mir vorgenommen habe. Mein Wille und meine Fantasie, meine Gefühle gehen getrennte Wege.
Nach den letzten ungehörigen Bemerkungen über das Laufen, bin ich anderntags noch 27 km mit 5:20 gerannt, und dann mit meiner Frau nach Frankreich in die Cevennen abgetaucht.
Resultat der Sieben-Tage-Wanderung sind eine Menge schöner Landschaftserlebnisse, viele Bilder, kleine Abenteuer und eine sehr schöne Erfahrung von Frankreich. Wir sind insgesamt ca. 170 km gewandert, Rucksack mit Zelt und Verpflegung auf dem Rücken, über 3500 Meter auf und abgestiegen.
Nicht allzu teuer: ca. 250 € je Person (davon Fahrt mit Bahn von BW aus: ca. 180€), 5-mal auf Campingplätzen (für zwei zwischen 7,4 und 10,5 € je nachdem mit oder ohne warme Dusche), einmal in einer Gîtes d'étape (12€ je Person, jugendherbergenartig, mit Kochgelegenheit etc. – der ganze Nationalpark der Cevennen lässt sich mit solchen Gîtes d'étapes durchgängig erwandern).
Wir sind in Alès gestartet und in Génolhac wieder in die Bahn zu einem Zwischenaufenthalt und Erholungswandern in der Auvergne. Eckpunkte der Wanderung waren der Mont Aigoual (1565 m) und Florac an der Tarn.
Die schönsten Etappen waren zwischen Cabrillac und Barre des Cévennes und die Tour de Mont Lozère zwischen Florac und Les Bastides/Génolhac. Es gäbe viel zu beschreiben, ich beschränke mich auf zwei Bilder.
Zuerst war ich skeptisch gegenüber der Idee, in der Höllenhitze zu wandern und der erste Tag war mit über 30 km kein Spaß, aber habe ich mich dann mit der Wärme anfreunden können und dazu noch Einiges über die Geschichte der Region, Hugenotten und Kamisarden, erfahren.
Als ich diese Gedanken zum ersten Mal geäußert habe, bin ich auf heftigen Protest gestoßen. Ich sehe die Bilder von sich hin und her wiegenden Menschen und frage mich, ob Laufen nicht auch ein wenig dazu gehört. Es gibt diese Szene in Truffauts Film „Der Wolfsjunge“ über einen von seinen Eltern ausgesetzten Jungen, der sich im Mondschein hin und her wiegt. Man kennt es von hospitalisierten Kindern. Es ist eine Regression auf eine frühe menschliche Beziehung, das Sichtragenlassen vom Rhythmus eines (mütterlichen) Körpers, seines Herzschlags und Atems. Die Erfahrung des eigenen Körpers reduziert die Außenwahrnehmung und ein freies Denken, Phantasieren, Fühlen wird dominant. Die hospitalisierten Kinder schaukeln sich in eine Trance, sind „weg“ und könnten nachher nicht mehr erzählen, was in ihnen da vorgegangen ist.
Natürlich ist das beim Laufen anders. Zwar drehen sich die Gedanken ab und zu im Kreise, bewegen sich zwischen Zerfahrenheit und Konzentration, aber nur die wenigsten werden das Bewusstsein verlieren und den kritischen Verstand. Auch wenn ein böser Kritiker der Läufer einmal gemeint hat, man solle sich beim Joggen nur einmal Ohrstöpsel in die Gehörgänge stecken, um zu hören, wie bei jedem Tritt das Gehirn an die Schädeldecke knallt und es so auf die Dauer schleichend zerstört.
Neben oberflächlichen Parallele gibt es aber, so denke ich, noch andere Gemeinsamkeiten. Wenn man läuft, schaltet man ab, lässt Manches hinter sich, lebt in einer anderen Welt. Immer ist Laufen mit Distanzierung und Weggehen, vielleicht sogar Trennung verbunden (und wieder nach Hause laufen, heimkehren??). Das Laufen ist eine einfache rhythmische Bewegung. Das erleichtert das freie assoziative Denken. Als „Brainstorming“ kann es auf neue Ideen bringen, aber Selbstbeobachtung kennt auch Gedanken, die sich ständig im Kreise drehen. Oft nach „Auseinandersetzungen“. Tiere in Gefangenschaft bewegen sich ruhelos hin und her.
Diesen etwas dunklen Gedankengängen wird ein Läufer dagegenhalten: Ich laufe, weil ich die Natur liebe; ich laufe für meine Fitness; ich will mich beweglich halten; ich liebe die Bewegung. Das Gleiche kann ich auch für mich sagen. Aber jede menschliche Sache hat mehrere Ursachen.

Heute bin ich im strömenden Regen "flott" gelaufen, 12 km mit 4:50, und musste an die Toten vom Zugspitzlauf denken. Schon als ich beim Loslaufen einen Nachbar getroffen habe, musste ich annehmen, was er über diese „Spinnerei“ denkt. Ich bin kein Bergläufer, die paar Hundert Meter rauf und runter mal abgesehen. 500 km zu fahren, nur für einen Berglauf, nee. Bergwandern, ein bisschen Bergsteigen, einige über 2500, 3000 und einer über 4000, okay. Ist ja auch schon anstrengend.
In der Nichtläuferszene ist die Meinung anscheinend eindeutig: der Berg wird als Sportgerät missbraucht. Im Bayern 2 Tagesgespräch vom 14.07.08 sind es vor allem die Bergwanderer von der Harmonie- und Jodelfraktion, die nun ihre negativen Erfahrungen mit Bergläufern loswerden wollen, die gegen alle ihre hochheiligen Regeln von Bekleidung und Vorsichtsmaßnahmen verstoßen. Man sieht: der Läufer nervt, weil er sich im Wettkampf am Berg an die Spitze setzt.
Eine andere Sache ist, dass Laufen mit Ehrgeiz verbunden ist. Ehrgeiz hat aber zwei Seiten.
Auf der einen Seite ist es ein Ausscheren aus der Norm, der Einigkeit mit anderen. Der Läufer ist schneller als die anderen, härter gegenüber sich selber. Noch mehr: Oft ist Laufen ein (zeitweiliges) Ausbrechen aus sozialen Bindungen, ist (trotz Lauftreffs) eine Art des Privatisierens und Sich Isolierens. Es ist darüber hinaus eine intensive Art der Selbstwahrnehmung, der Beschäftigung mit sich selber. Ja – Narzissmus. Ich laufe und bin mir dabei bewusst, dass ich mehr bringe als andere. (Ein gutes Gefühl? - Wenn da nicht die Zweifel wären, ob es nicht sinnvollere und nützlichere Arten gäbe, die Zeit zu verbringen. Oder die Gedanken, dass es da noch so viele nicht erledigte Aufgaben gibt.)
Auf der anderen Seite zeigt sich der Läufer paradoxerweise gerade in seinem Ehrgeiz als soziales Wesen. Die Ehre ist eine Sache, die uns in der Erziehung implantiert wird, und soziale Wertschätzung oder Verachtung ist eine tägliche Erfahrung, die jeder machen kann.
Jetzt mag man einwenden, dass dieser kämpferische Ehrgeiz, der es den anderen beweisen, sie niederzwingen und dominieren will, doch eigentlich recht asozial ist, sozial inhalts- und wertlos.
Ja, vielleicht.
Vielleicht ist man in dem Bestreben, stärker, härter, schneller als andere zu sein, eine gefühllose Kampfmaschine geworden. Gefühllos gegenüber dem eigenen Körper, der nicht mehr kann und will. Und hilflos gegenüber der Erfahrung der eigenen sozialen Schwäche und Unterlegenheit.
Ich bin von Natur aus wohl eher ein Mensch, der schnell genervt ist und vielleicht auch andere nervt und in vielen Polemiken lebt.
Zum Laufen bin unter Anderem auch durch den Überdruss an Menschen gekommen, die über Krankheiten jammern, und denen ich beweisen wollte, dass man auch in reiferen Jahren noch leistungsfähig und aktiv sein kann.
Denke ich darüber nach, was mir am Laufen Spaß macht, so ist es weniger oder nicht nur die Freude am Laufen, sondern oft mehr der Stolz darauf, gewisse Strecken absolviert zu haben, das Gefühl etwas außerhalb des Normalmaßes erreicht zu haben. Zu den „schönsten“, meint eher den befriedigendsten Läufen zähle ich weniger die Marathons, eher die Langläufe, 30 km und drüber, in der kälteren Jahreszeit, hoch und runter, die Flasche auf dem Rücken, einsame Strecken. Vielleicht gelaufen in dem Gefühl, dass es mir keiner nachmacht. Anders beim Marathon.
Natürlich zieht mich der Wettbewerb an. Die Uhr ist wichtig zur Beurteilung meiner Leistungen, das Gefühl, mich etwas verbessert oder eine alte Leistung erreicht zu haben. Wettbewerbe bin ich immer so angegangen, dass ich mein Optimum bringen wollte, also Training nach Plänen, Tempotraining, Steigerung usw. Eine Zeitlang habe ich das Ziel verfolgt, unter 3 Stunden zu laufen, war im Training über 100 Wochenkilometer, aber sei es durch Übertraining, falsches Timing oder einfach körperliches Limit, habe ich dieses Ziel nicht erreicht und inzwischen aufgegeben.
Den ersten Marathon habe ich ganz gut gemanagt, musste es mir aber gefallen lassen, von einem anderen aus meiner Altersklasse locker überholt zu werden. Ich schaute mir seine Zeit an und setzte mir zum Ziel, das nächste Mal seine Zeit zu erreichen. Dann erreichte ich zwar seine Zeit, aber er war noch schneller geworden. Irgendwann war ich dann schneller, aber inzwischen ist er aus der Läuferliste verschwunden. Wahrscheinlich in das Loch gefallen, das sich bei den 5oern auftut.
Ansonsten brauche ich aber nicht unbedingt einen Konkurrenten, mein Ziel ist mehr, eine bestimmte Zeit zu erreichen, ein Tempo bis km 28 durchzuhalten und dann auf den Kampf gegen die innere Müdigkeit zu setzen. Es geht mir mehr darum, ein inneres, selbst gesetztes Ziel zu erreichen, natürlich umso zufriedener, wenn auch ein guter Platz dabei herausspringt. Schon deswegen ziehe ich kleine Marathons vor. Auch wenn man dabei die letzten 15 Kilometer relativ einsam durch die Landschaft trabt.
Laufen ist natürlich eine Leistung, eine Anstrengung, eine Arbeit, die Lohn und Lob verdient. Aber auch wenn keiner da ist, der einen belohnt, bewundert und bejubelt, so ist es doch das innere Ideal, das zufrieden oder unzufrieden mit der Leistung ist. Mein Ideal ist mein kritischer Partner, den ich zufrieden zu stellen suche.
Dieses Ideal – was ist es, woher kommt es? Bin ich es, habe ich es gewählt? Habe ich mich in es verliebt? Teile ich es mit anderen und entspreche einem allgemeinen Ideal?
Läufer, die einen Wettbewerb ablehnen, weil sie den Kampf als aggressiv, egoistisch und antisozial ablehnen, lässt sich entgegenhalten, dass der Wettbewerb doch eine soziale Veranstaltung ist, wo die Selbstüberschätzung eine Grenze findet und der Einzelne Bescheidenheit lernt – sieht man von den Gewinnern ab. Ein anderer Grund, den Wettbewerb abzulehnen, liegt in der Verbindung des Wettbewerbgedankens zu einer sozialdarwinistischen Ideologie, die zu der Vorstellung führt, dass wirtschaftlichen Überleben oder Profitierens Privileg einer durch Erbe und Gene gut ausgestatteten Minderheit ist. Jeder Läufer schleppt so eine Menge negativen Zeitgeists mit: die Gesellschaft als Kampf ums Überleben, anstelle einer kooperativen Gesellschaft.